Fußspuren im Schnee
Der Weihnachtsmorgen war ungewöhnlich still. Der Schnee hatte den Hof über Nacht mit einer glatten, weißen Schicht bedeckt, doch Nina bemerkte sofort eine einzelne Fußspur, die zur alten Scheune führte. Das Tor stand offen, obwohl sie es abends immer geschlossen hatte.
Normalerweise war es in der Scheune kalt, doch diesmal war es angenehm warm. Auf dem Boden lag ein Christbaumschmuck, an den sich Nina nicht erinnern konnte. Als sie ihn aufhob, fiel plötzlich eine staubige Schachtel vom Regal. Darauf stand: „Weihnachten kommt, wo man es erwartet.“
Die Fußspuren führten zu einer alten Holzluke. Sie war offen, und sanftes Licht fiel von unten herein. Nina hockte sich hin, um sie genauer zu betrachten, und entdeckte noch ein Detail: Neben der Luke lag ein kleiner Wollhandschuh, etwa so groß wie ein Kinderhandschuh. Auch er schien vorher nicht da gewesen zu sein.
In diesem Moment knirschte der Schnee leise im Hof, als wäre jemand gerade zurückgetreten, um nicht bemerkt zu werden. Nina sah sich scharf um, entdeckte aber niemanden. Das Licht unter der Luke wurde heller, und ein sanfter, warmer Luftzug wehte von unten herauf, nicht wie Wind oder das Geräusch alter Rohre. Nina betrachtete erneut den Fäustling des Kindes, dann die Fußabdrücke, die langsam vom Schnee bedeckt wurden. Sie schien, etwas in diesen Abdrücken zu erkennen, aber sie konnte sich nicht erinnern, was genau. Vorsichtig berührte sie die Luke und hob sie langsam an, gerade so weit, dass sie hineinsehen konnte. Einen Moment lang erhellte ein warmer Strahl ihr Gesicht, und Nina erstarrte, den Blick fest auf das gerichtet, was sie sah. Überraschung spiegelte sich in ihren Augen … und so etwas wie Erleichterung.
Der weihnachtliche Döner
Die Stadt lag unter einer dicken Schneedecke, die das Licht der Laternen weich reflektierte. Die Straßen waren still, nur einzelne Schneeflocken tanzten im Wind. Diese friedliche Winternacht wirkte wie aus einem Märchen.
Am Rand der Altstadt befand sich der kleine Laden von dem Dönermann, dessen Drehspieß an diesem Abend nur noch leise knisterte. Ege bereitete sich darauf vor, die Tür zu schließen. Seine Kinder saßen müde auf den Stühlen und malten Weihnachtsbilder. Obwohl der Laden klein war, herrschte darin eine Wärme, die nicht nur vom Grill stammte. Nicht weit entfernt, in einem Büro voller Karten, Funkgeräte und alter Auszeichnungen, arbeitete General Nils. Während andere Offiziere längst Feierabend hatten, überprüfte er wie jedes Jahr die Sicherheitslage für Weihnachten. Für ihn war dieser Abend kein gewöhnlicher Festtag, er war der selbst ernannte Schutzbeauftragte des Weihnachtsmann. Niemand wusste genau, wie er zu diesem Titel gekommen war, aber jeder akzeptierte es, denn Nils nahm diese Aufgabe ernster als jede Parade.Während er seine Listen durchging, bemerkte er eine ungewöhnliche Meldung, ein schwaches Notsignal, das angeblich von einem alten, magischen Kommunikationsgerät stammte, das nur einer benutzen konnte, der Weihnachtsmann selbst. Nils’ Herz schlug schneller. Die Frequenz passte, die Position ebenfalls: Mitten in der Altstadt, ganz in der Nähe von dem Dönerladen. General Nils marschierte durch die verschneiten Straßen, jeder Schritt versank einen halben Fuß tief im weichen Schnee. Der Dönermann sah ihn von weitem kommen. Obwohl Nils selten um Hilfe bat, erkannte er sofort die ernste Miene des Generals und wusste, dass etwas nicht stimmte. Nils trat ein und erklärte knapp kaum mehr als ein paar Worte, dass etwas Großes im Gange sei. Es war wenig direkte Rede notwendig. Er verstand den Ernst der Lage allein durch die entschlossenen Augen des Generals. Gemeinsam begannen sie, die Umgebung abzusuchen. Die Kinder schlossen sich heimlich an, weil sie spürten, dass das kein gewöhnlicher Abend war. Der Weg führte sie in den finsteren Stadtpark. Zwischen schneebedeckten Bäumen entdeckten sie schließlich etwas Unglaubliches. Ein Rentier, erschöpft und zitternd, lag halb im Schnee. Daneben ein roter Mantel, der eindeutig keinem gewöhnlichen Wanderer gehören konnte. Der Weihnachtsmann selbst lag bewusstlos daneben, nicht verletzt, aber deutlich geschwächt, als hätte ihm jemand die Kraft entzogen. General Nils kniete sich neben ihn und prüfte die Lage. In diesem Moment erkannte man, warum man ihn „General“ nannte. Er bewahrte Ruhe, analysierte, entschied. Er hatte wohl einen Unfall. Nils, der General, rief sofort den Dönermann zu sich und befahl ihm einen fetten, geilen Döner für den Weihnachtsmann zu holen, sodass er wieder schnell gesund wird und Weinachten noch irgendwie retten kann und dass jedes Kind ein Geschenk kriegt.
Der verschwundene Stern
Der Weihnachtsmarkt war bereits voll, als Lia und ihr kleiner Bruder Finn zwischen den Ständen auftauchten. Sie hatten sich nur kurz gestritten wie sie sich auch immer zuhause stritten, doch nun gingen sie wortlos nebeneinander her. Über ihren Köpfen glitzerte der große Marktstern, der jedes Jahr auf dem zentralen Turm leuchtete. Plötzlich flackerte er. Ein Raunen ging durch die Menge und dann war er aus. Dunkel. Einfach verschwunden. „Der Strom ist doch nie weg!“, rief ein Händler. Finn packte Lias Ärmel. „Vielleicht ist er gestohlen worden.“
Lia wollte lachen, doch der Ausdruck in seinem Gesicht ließ sie still stehen. Finn zeigte auf einen schmalen Durchgang hinter den Ständen. Dort bewegte sich etwas. Oder jemand. Ohne groß nachzudenken, liefen sie los.
Hinter den Ständen war der Lärm gedämpft, der Boden matschig, und zwischen zwei Kisten lag tatsächlich etwas Glänzendes: ein Stück Metall, ein Teil des Sterns. Finn kniete sich hin. „Ich hab’s doch gesagt.“ Weiter hinten hörten die beiden schnelle Schritte. Eine Gestalt im dunklen Mantel verschwand um die Ecke. Lia rief, lief hinterher – doch als sie die Ecke erreichte, sah sie nur noch den schmalen Ausgang zur Straße. Die Gestalt war weg. Und der Rest des Sterns ebenso. Als die beiden zurück zum Platz kamen, hatte sich eine Menschenmenge gebildet. Polizisten standen unter dem nun dunklen Turm. Finn drückte Lia das Metallstück in die Hand. „Sagen wir’s ihnen?“ Lia schaute auf das glänzende Fragment, dann auf die Menge, dann wieder auf die dunkle Gasse.
„Vielleicht“, sagte sie leise. „Vielleicht auch nicht. Lass uns zuerst selbst herausfinden, was hier passiert ist.“ Sie schob das Metallstück in ihre Jackentasche. Finn nickte entschlossen. Und gemeinsam verschwanden sie wieder zwischen den Buden.